Die Biochemie nach Dr. Schüßler
 
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Als der in Oldenburg tätige homöopathische Arzt Dr. med. Wilhelm Heinrich Schüßler 1873 in einer medizinischen Fachzeitschrift seine Idee von einer gezielten Mineralstofftherapie der  Fachwelt vorstellte, wollte er die medizinische Forschung bereichern. Dass er stattdessen - oder besser: darüber hinaus - eine weltweite Volksgesundheitsbewegung ins Leben rief, hat er nicht geahnt - und zunächst auch nicht gewollt.


Erst das Unverständnis seiner Ärztekollegen, die beharrlich der historisch-mystisch tradierten Medizin-Philosophie des vergangenen Jahrhunderts anhingen und Schüßlers naturwissenschaftlich, rational und analytisch geprägte und Zeit vorauseilende Idee verlachten, war für ihn Anlass, ein Jahr später dann seine Gedanken über eine "abgekürzte Therapie" in Form eines kleinen Heftchens einer breiteren Öffentlichkeit und damit auch dem Publikum und den Patienten vorzustellen.


Je mehr der leicht verletzliche, und dann mit spitzer Feder und scharfer Zunge äußerst aggressiv reagierende „Oldenburger Bullerkopf“ sich mit der medizinischen Fachwelt anlegte, desto enger scharte sich ein Freundeskreis von zufriedenen Patienten um ihn und bedrängte ihn, die Pflege und Erhaltung seiner Lehre durch einen Laienverein zu unterstützen. Widerstrebend gab er schließlich seine Zustimmung. Im Jahre 1885 schließlich gründete der Eisenbahnrechnungsführer August Meyer zusammen mit einer Handvoll Freunden und Schüßlers Unterstützung den ersten Biochemischen Verein in Oldenburg. "Auswandernde" Oldenburger trugen den Gedanken der Biochemie in ihre neue Heimat. Die Biochemie ist weltweit als eigenständige naturheilkundliche Heilweise etabliert.


Je einfacher eine umwälzende Idee ist, desto schwieriger scheint es, sie zu begreifen. Schüßlers geniale Idee bestand darin, zu erforschen, was denn eigentlich die anorganischen Mineralien im menschlichen Stoffwechsel tun. Organische Chemie, das wissen wir alle, besteht aus den Elementen Stickstoff, Sauerstoff, Kohlenstoff und  Wasserstoff. Aber heute wissen wir auch alle, dass ein Leben aus diesen Stoffen allein nicht möglich ist, dass eine Vielzahl anorganischer Elemente die chemischen Umsetzungen dieser vier Stoffe steuert und erst ermöglicht. Die Chemie des Lebens, die Bio-Chemie, ist das kunstvolle ineinander Greifen von steten Auflösungen und neu Eingehen elementarer Verbindungen.


Dr.  Wilhelm Heinrich Schüßler war einer der ersten, die versucht haben, dieses geheimnisvolle Zusammenspiel aufzuschlüsseln, in eine Ordnung zu bringen, herauszufinden, welche Elemente denn was bewirken, und welche Krankheiten entstehen, wenn eines dieser lebensnotwendigen Elemente fehlt. Der von ihm geprägte Begriff "Biochemie" ist mittlerweile in den medizinischen Sprachgebrauch eingegangen und steht für jene Wissenschaft, die genau das nachvollzieht, was Schüßler begonnen hat: die Erforschung des Zellstoffwechsels. Nur: leider ist den modernen Biochemikern der Name Schüßler aus dem Gedächtnis gekommen. Wir aber brauchen nicht verschämt immer wieder zu betonen, dass es neben der naturwissenschaftlichen Schulrichtung Biochemie noch so ein etwas zu kurz gekommenes Kind "Schüßlers Biochemie" gibt. Jene tun genau das, was unser Ziehvater wollte: sie erforschen, wer wann wo wie was in unserem Stoffwechselgeschehen tut.


Die Reihe der anorganischen Salze, die Schüßler als lebensnotwendig für alle Funktionen herausfand und darum Funktionsmittel nannte, entspricht sehr genau dem, was die moderne Medizin als essenzielle, sprich unersetzliche, Mineralien bezeichnet. Es sind die Elemente Calcium, Kalium, Magnesium, Natrium, Eisen und Silicium in Verbindung mit den Anionen Phosphor, Schwefel und Chlor, im Ausnahmefall bei der Nummer eins auch mit Fluor. Schüßler war ein exzellenter Beobachter. Wenn auch seine Erklärungsversuche für Zusammenhänge heutigen Erkenntnissen nicht immer stand-halten, die Ergebnisse und die Schlussfolgerungen, die er zog, waren ausnahmslos richtig. Es ist faszinierend zu beobachten, wie moderne naturwissenschaftliche Forschungsergebnisse mit arger Verspätung bestätigen, was Wilhelm Heinrich Schüßler vor mehr als 130 Jahren beschrieb.


Bis zu seinem Tode 1898 hat Schüßler seine Erstschrift immer wieder überarbeitet, erweitert und verbessert. Dabei ist erkennbar, dass er sehr aufmerksam die Fortschritte der Medizin seiner Zeit verfolgt und in seine Lehre eingebaut hat. Wie ein Vermächtnis mutet es an, wenn er in seinem Schlusswort zur 22. Auflage schreibt, "Wenn Ärzte, die auf dem Gebiet der physiologischen Chemie sich gründliche Kenntnisse erworben haben, mir beim Aufbau meines Werkes behilflich sein wollen, so würden ihre Beiträge mir sehr willkommen sein."


Wir sollten bemüht sein, auch heute so zu verfahren, wie er selbst es tat: Im Zusammenspiel mit der modernen Medizin die Wirksamkeit und den Wirkmechanismus der biochemischen Salze zu erforschen und anzuwenden.


Hans-Heinrich Jörgensen t

Früherer Ehrenvorsitzender des Biochemischen Gesundheitsvereins Oldenburg e.V.

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